Ausbildung in Coronazeiten? Zentralverband fern der Realität!

Wegen der Coronakrise sind sowohl Friseurbetriebe als auch Berufsschulen geschlossen. Doch nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks (ZV) soll und kann die Ausbildung weitergehen. Unter Berücksichtigung der vorgegebenen Sicherheitsmaßnahmen ist die Lehre laut ZV-Geschäftsführer Jörg Müller im Salon möglich. Wichtig sei jedoch, die Hygieneregeln einzuhalten und zwischen Ausbilder und Azubi einen Mindestabstand von 1,5 Metern zu wahren. Somit sei das Üben an Modellen sowie das gleichzeitige Arbeiten am Übungskopf ausgeschlossen. Auch der Gebrauch von Föhnen, Hauben und weiteren Geräten, die die Raumluft beeinflussen, sei nicht erlaubt.

Vor dem Hintergrund dieser Verlautbarungen des ZV-Geschäftsführers hatten wir folgende Fragen an die Innungen gerichtet:

1. Wie sinnvoll und zielführend ist das Ausbilden im Salon unter diesen Rahmenbedingungen?

2. Von wie vielen Ausbildungsbetrieben in Ihrer Innung ist Ihnen bekannt, dass sie momentan im Salon noch Azubis schulen?

Hierzu aussagekräftige Antworten, die uns erreicht haben:

++ Bernd Kiefer, Friseurinnung Rheinhessen: “Für mich ist diese Empfehlung nicht nachvollziehbar. Alleine schon die Tatsache der Kontaktsperre und des Abstandhaltens von 1,5 m ermöglicht mir nicht meinen Azubi richtig auszubilden. Auch dass kein Fön und sonstige Geräte zur Trocknung benutzt werden können, macht es nicht einfacher. Sicher können Einlege- und Dauerwelltechniken geübt werden, doch frage ich mich, ob das in der jetzigen Lage so optimal ist. Ich weiß nicht, mit wem und wann mein Azubi in Kontakt war und gehe somit ein hohes Risiko ein, zumal die meisten Azubis noch vom öffentlichen Verkehr abhängig sind und sich damit die Ansteckungsgefahr deutlich erhöht. Die Azubis können ihre Fachbücher durcharbeiten, bekommen von der Berufsschule digital Aufgaben gestellt und haben über den Modefilm 2020 (LV Rheinland) die Möglichkeit sich weiterzubilden. Meine Erfahrung aus über 30 Jahren als Ausbilder sagt mir, dass vier Wochen Ausfall hier niemanden die Prüfung kostet. Wer drei Monate vor der Gesellenprüfung Teil 2 – sollte die Prüfung im Juni stattfinden – sein Handwerk nicht kann, dem helfen auch die vier Wochen nicht. Ich habe bisher von keinem Mitgliedsbetrieb die Rückmeldung, dass die Empfehlung des ZV umgesetzt wird. Vielmehr sind gerade alle dabei ihre Existenz zu sichern und haben mit Formularen, Banken, Arbeitsagentur und Steuerberater genug um die Ohren.” ++ Claudia Kandler, Friseurinnung Erlangen: “Das ist praxisfremd und NICHT umsetzbar! Auch wir haben uns genau Gedanken gemacht, wie ein weiteres Ausbilden möglich ist. Wir sind jedoch zu dem Schluss gekommen, dass in den Betrieben unter den vorgegebenen Sicherheitsmaßnahmen momentan NICHT weiter ausgebildet werden  kann! Da auch die Berufsschulen geschlossen haben müssen, ist der Wunsch zur weiteren Ausbildung weder möglich, sinnvoll oder zielführend. In unserer Innung ist kein Betrieb bekannt, welcher momentan Auszubildende im Salon schult.” ++ Sabine Capan, Friseurinnung Mönchengladbach: “Ich denke in Bezug auf die momentane Lage sollte man nicht im Laden sein, da die Kunden sonst denken, man hätte geöffnet. Zusätzlich fallen Energiekosten an. Bei Aufräumarbeiten in anderen Läden war schon das Ordnungsamt da, um zu kontrollieren, ob nicht doch gearbeitet wird, was ja auch voll korrekt ist. ” ++ Dirk Stakelbeck, Friseurinnung Goslar: “Eine Ausbildung unter den derzeitigen Bedingungen macht überhaupt keinen Sinn. Mir ist kein Salon bekannt, der in den geschlossenen Salons Azubis schult.” ++ Ulrike Preuße, Friseurinnung Celle: “Wenn man flexibel ist, geht einiges. Meinen Azubis habe ich Videos rausgesucht und ihnen Links geschickt, die sie sich anschauen müssen. Danach können sie allein einzeln im Salon das Gesehene am Übungskopf nacharbeiten. Bei Fragen können sie mich jederzeit anrufen und via Videotelefonie kann ich unterstützen. Dauerwellwicklungen, Einlegetechniken, Styling, Steckfrisuren, Strähnentechniken usw. lassen sich jetzt in Ruhe am Medium (Übungskopf) trainieren. Wir sprechen die Übungszeit ab, damit immer nur ein Azubi im Salon Ist. Die Monatsberichte für die nächsten Wochen können auch schon zuhause vorgearbeitet werden. So lassen sich einige Tage sinnvoll überbrücken. Wenn man mal ehrlich ist, sind die Azubis ja sonst auch nicht acht Stunden am Tag mit Ausbildungsinhalten, sondern oft auch mit Hilfs- und Zureich-Arbeiten beschäftigt.  Ich halte das für zielführend. Außerdem habe ich allen eine Woche ‘Zwangsurlaub’ verordnet. Ich versuche in der Zeit des betrieblichen Stillstandes nicht zu Untätigkeit zu erstarren, sondern die Zeit auch in anderen Bereichen sinnvoll, unter Einhaltung der Kontaktbeschränkung, zu nutzen.”

Die Reaktionen zeigen: Die Empfehlungen des ZV empfindet die Mehrheit als fern der Realität!